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Re: Umfrage

geschrieben von Alwin am 27.12.1999 um 13:46:35 - als Antwort auf: Umfrage von Nena
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Seit ca. Mitte der 70er Jahre. Obwohl kein Punker, hatte ich bereits 1973 in jedem Ohrläppchen 3 Löcher, die in Zusammenarbeit mit einer Freundin entstanden, die indien-inspiriert bereits ganz dezent Mehrfach-Ohrringe und sogar einen kleinen Silbering im Oberohr trug. Damit war ich wohl eines der ersten männlichen Wesen in München mit so vielen Ohrsteckern. Punker gab’s in München nach meiner Erinnnerung damals noch nicht, und waren eher eine Erscheinung in England und Norddeutschland. Meine Ohrstecker trug ich natürlich nur selten und waren durch die langeren Haare damals auch kaum zu sehen.
Die Reaktionen der Umwelt auf mich und meine Freundin waren natürlich nicht anders als heute auf alles, was neu oder anders ist oder was den Horizont des Stinknormalos überschreitet. Viele dachten wahrscheinlich, ich sei schwul oder in irgendeiner der damals verbreiteten Indien-Sekten oder sowas. Das denken sicher viele sicher auch heute noch über mich, obwohl ich trotz künstlerischem Beruf ziemlich normal aussehe und inzwischen lediglich etwas größere Ohrlöcher als ”normal” habe.
Ich bin übrigens Jahrgang 1956, sehe aber immer noch sehr jugendlich und eher wie 30 aus.
Nachdem Durchsteck-Ohrschmuck in der Nachkriegszeit fast verpönt war und in den 60er Jahren klobige bunte Plastik-Ohrclipse ”in” waren, erlebte Durchsteck-Ohrschmuck plötzlich mit Einführung der Ohrloch-Schußpistolen u.a. durch eine fränkische Firma einen gewaltigen Aufschwung. Ähnlich wie bei der heute schon fast selbstverständlichen Piercingmode hatten verschiedene Frauenzeitschriften und z. B. der ”STERN” den Stein in’s Rollen gebracht: Fotos von Leuten mit Mehrfach-Ohrschmuck wurden zuerst als exotisches Extra gebracht. Danach war’s immer häufiger nicht nur in Mode-Zeitschriften zu sehen und es dauerte kaum 2 Jahre, bis Mehrfach-Ohrschmuck allgemein bei Männlein und Weiblein in Mode war und sogar im Berufsalltag meist akzeptiert wurde. -Einige Jahre später hatte sogar manche alte ”seriöse” Damen mehr als einen Stecker im Ohrläppchen.
Ähnlich lief’s auch mit dem Nasenschmuck ivon den späten 80er Jahren bis heute:
1990 noch ziemlich selten und exotisch, heute fast schon Alltags-Outfit, zumindest für junge Leute.
”Mode” entwickelte sich meist auf diesem Weg: Was zuerst von ”gesellschaftlichen Außenseitern”, also z. B. Punker, Hippies, Indien-Begeisterten, Schwule, Lesben und andere Exoten als Protestaktion oder bewußtes ”Anderssein” praktiziert wurde, wurde bald schon auch von ”Normalbürgern” übernommen, sobald es durch ”Vormachen”, d. h., massenhafte Verbreitung in Presse und Umwelt, oft genug publiziert und somit ”gesellschaftlich anerkannt” und damit ”erlaubt” wurde. Der Mensch ist eben nur ein Herdentier. In puncto Ohrschmuck und Piercing ist’s aber zumindest ein erfreulicher Aspekt!
Ich habe übrigens schon seit vielen Jahren eine Materialsammlung für ein Büchlein über Ohrschmuck und Piercing in der Schublade, wo zu diesem Thema sicher noch Ausführlicheres und altes Zeitschriften-Bildmaterial zu finden ist.
Bei Bedarf einfach eMail an mich!

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